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Die Essays
LEBE WOHL AUFSPÜREN
 

Lebe wohl
ESSAYS
ZU INDIVIDUUM, LEBEN UND GESELLSCHAFT

 
Freiheit zur Exklusion (Teil 3)
Freiheit zur Exklusion (Teil 1+2)
Tyrannei der Inklusion (Teil 2)
Tyrannei der Inklusion (Teil 1)
Altruistische Entsolidarisierung
Lob des Dilettanten
Zombies kommen ...
Anderssehen
Back to Uterus
Prometheus´ Reue
Unseren Wert gib uns heute
Das Individuum ist müde
Im Kokon
»Krise« ist ein schönes Wort
Alles Könige
»Trainergesellschaft«
Kinder des Olymps
EXIT oder Leben und Sterben ...
"Mensch, wie alt bist Du?"

 

Freiheit zur Exklusion
von Jürgen Mick

 

TEIL 3: Exklusionsindividualität

Will man eine weitere Sphäre der anderen Seite erobern, so halte man es mit Epikur: "Lebe im Verborgenen!" (Epikur, Fragment 43) Mit Einfügung eines Kommata, bekäme man es mit einem Imperativ zu tun, der davon absieht das Öffentliche zu verdammen und einen Fingerzeig um was es im Verborgenen (heute würde man sagen Privaten) geht: Um nichts weniger als das (gute) Leben. Also: "Lebe, im Verborgenen!" Wenn die Gesellschaft sich keinen Deut darum schert, wie man lebt, kommt einem selbst umso mehr die Sorge um sich selbst zu. Kommt man überein, dass die Gesellschaft (als funktionales System) bar jeder Moral ist und sich auch gleichgültig gegenüber der Frage nach Qualität gibt, dann sieht man sofort auch, dass der "Wert" einer Sache sich jeweils nach den "Maßstäben" eines Funktionssystems bemisst und längst keine Aussage über einen individuellen Wert impliziert. Hingegen ist der individuelle Wert geprägt von persönlichen Gefühlen und Sentimentalitäten. Die Werte, die ein Wirtschaftssystem einem Musikwerk beimisst, kann nur dessen finanziellem Gegenwert entnommen werden. Das Bildungs- und Erziehungssystem mag es als didaktisch geeignet, oder eben nicht werten, und das Sportsystem kann das musikalische Werk allenfalls als Untermalung einer Kür dienlich erscheinen. Mit keinem dieser Maßstäbe lässt sich auch nur annähernd auf die musikalische Qualität eingehen. Über die lässt sich von Geschmack bis Genialität und Innovativität genüsslich streiten, eben weil sie nicht als gesellschaftlich verwertbar gelten. Sie sind individuelle und persönlich von Belang. Musikalische Qualität eines Stückes evoziert möglicherweise Emotionen und veranlasst zum Tanz oder anderer körperlicher Reaktionen. Nicht umsonst diente lange Zeit die Musik in der Jugendkultur der Unterscheidung von anderen. Musik gilt insofern als Identität stiftend, weil sie gerade nicht von der Gesellschaft auf Funktionalität hin bewertet werden konnte und kann. Vermeintlich versucht der gesellschaftliche Zugriff dies in Charts abzubilden, die aber lediglich einen Marktwert aufzeigen. Der zwar im Rückgriff Geschmack bildend bei Lesern wirkt aber keinerlei Aussage über musikalische Werte beinhaltet. Wer Charts liest und sich davon beeinflussen lässt, tut das wie Leute die Modemagazine lesen, sie suchen Hilfe bei der Bildung ihres nicht selbst gegebenen Geschmacks. Über diese "Hilfsangebote" versucht das Wirtschaftssystem sich Anteile zu sichern, indem sie aus Kleidung, wie auch Musik Produkte generiert. Der Musikgeschmack ist aber individuell und lässt sich im besten Fall ohne gesellschaftliche Beteiligung schulen und generieren. Das Individuum hat sich dieser Aufgabe der Selbstgenerierung selbst zu stellen wenn es ihm ernst ist mit seiner Individualität. Und es ist ihm ausschließlich außerhalb der Funktionssysteme möglich. Andernfalls, nämlich im Falle des Rückgriffs auf gesellschaftlich vorgefertigte Geschmacksmuster, ist es nicht anderes als imitiertes Kaufverhalten auf Basis gesellschaftlich generierter Geschmackssubstitutionen. Genau auf diesem Mechanismus beruhen alle die Phänomene, die wir mit der Masse charakterisieren, dem Massengeschmack, dem Massenkonsum, der Massenmeinung. Sie gehorchen im Wesentlichen den Moden, die die Gesellschaftssysteme selbst generiert und zumeist im Sinne des Wirtschaftssystems funktionieren, aber auch im Politiksystem (Populismus) hier und da gerne Anwendung finden. Daher hat Luhmann für die moderne Gesellschaft, die gerne auch als eine Massengesellschaft bezeichnet wird, die Exklusionsindividualität behauptet (Luhmann, Gesellschaftsstruktur, 1989 ), was so viel heißt wie, dass jede Individualität, auf der "Nichtintegration des Individuums in der Gesellschaft" aufruht. (siehe Stichweh, Inklusion, 60)
Was Luhmanns Begriff der "Exklusionsindividualität" bezeichnet: "Damit ist der Sachverhalt gemeint, daß in einer funktional differenzierten Gesellschaft, in der aus der Perspektive von Funktionssystemen Einzelne nur als partielle soziale Objekte relevant sind, deshalb eine Form individueller Reflexion, die die Verschiedenheit dieser partiellen Momente zur Gesamtheit eines individuellen Lebensentwurfs zusammenführt, nur noch als eine gleichsam außergesellschaftliche Reflexion denkbar ist." (Stichweh, Inklusion, 138)
Der negative Effekt, der vor allem durch sich selbst unsichtbar gemacht wird ist: "Seither ist es möglich, gesellschaftlich zu kommunizieren und doch einsam zu bleiben." (Bolz, Am Ende der Gutenberg-Galaxis) Kommunikation täuscht über Einsamkeit hinweg, indem sie vorgibt genau das Gegenteil zu sein. Um es wie Kant als erhaben Haltung zu preisen: "Gesellschaft nicht bedürfen, ohne doch ungesellig zu sein" (Kant, Kritik der Urteilskraft) , verlangt dann eben schon eine immense Portion "Abstraktionsleistung" ab. (Bolz, Am Ende der Gutenberg-Galaxis) So "… bietet sie [die Gesellschaft, Anm. J.M.] dem Einzelnen keinen Ort mehr, wo er als "gesellschaftliches Wesen" existieren kann. Er kann nur außerhalb der Gesellschaft leben, nur als System eigener Art in der Umwelt der Gesellschaft sich reproduzieren, wobei für ihn die Gesellschaft eine dazu notwendige Umwelt ist. Das Individuum kann nicht mehr durch Inklusion, sondern nur noch durch Exklusion definiert werden." (Luhmann, Gesellschaftsstruktur,158) So Luhmann.
Und dennoch:
"Es ist unwahrscheinlich und dennoch auch erforderlich, daß für eine so verfaßte Exklusionsindividualität erneut eine Form der sozialen Kommunikation gefunden wird, die sie ratifiziert - und nur, soweit dies der Fall ist, kann mit Bezug auf ein Exklusionsindividuum überhaupt von einem sozialen Objekt die Rede sein." Für Luhmann [ist das] "der systematische Ort der Theorie der Intimbeziehungen."
Armin Nassehi behauptet in seinem Buch "Geschlossenheit und Offenheit" entgegen Luhmann, dass diese Exklusionsidentität sich aus den Überlagerungen der Zumutung der Inklusion verschiedener Funktionssysteme speist, also als eine in die Gesellschaft eingeschlossene Exklusion zu verstehen ist. Nassehi entsagt damit der "Innerlichkeit", die in Luhmanns Exklusionsindividualität mitschwingt, wie Nassehi sagt, als zu nahe an der Vorstellung der protestantischen Zwiesprache mit Gott. "als Mensch "null und nichtig". Nur so erreicht er [Sören Kierkegaard, Anm. d. Verf.] den archimedischen Punkt der Doppelreflexion, die den Verblendungszusammenhang der Alltagskommunikation durchbricht." Hierin trifft er sich mit Rudolf Stichweh, der sagt: "Individualität ist insofern ein Exklusionssachverhalt, der aber als solcher gerade auch voraussetzt, dass man aus den einzelnen Funktionssystemen nicht exkludiert ist, in ihnen vielmehr als partielles soziales Objekt einbezogen ist, und die Verschiedenheit dieser Momente in der Reflexionsform Individualität synthetisiert." Individualität ist gesellschafts-poietisch resultierend aus dem Erfordernis der Gesellschaft sich auf Ansprechpartner zu verlassen, wie Fuchs sagt Adressen auszuweisen. Individualität ist danach desto ausgeprägter, desto mehr Inklusion ein Individuum verbucht. Diese Reflexionsleistung, das Zusammenbringen der verschiedenen "Ansprachen", muss exklusiv reflektiert werden. Wird also auch komplexer, je mehr Inklusion im Spiel ist. Auf diese Überforderung durch Komplexität wird prompt reagiert. "Diese Überlegungen machen deutlich, dass zunehmende Scheidungsraten und abnehmende Ehequoten, Kirchenaustritte, geringe Wahlbeteiligung und postmaterialistische Werte nicht ohne weiteres als Funktionssystemkrisen verstanden werden sollten. Es scheint eher darum zu gehen, daß, nachdem in einer ersten langen Phase Inklusion die Entstehung von Möglichkeiten der Partizipation bedeutete, sich jetzt eine Schwerpunktverlagerung andeutet, die zusätzliche Freiheiten der Nichtpartizipation einräumt."
Exklusion sollte mithin - aus seiner hierarchischen Unterdrückung befreit -, zu einer symmetrischen Differenz zur Inklusion gelangend, die Freiheitsgrade der Gesellschaft beflügeln. Ihr Potential sollte sich dem folgend entfalten, wenn die Wahrung der Gestaltung zur Exklusionsindividualität, wie Luhmann sie als Basis der Weltgesellschaft behauptet , in Anspruch genommen und als Anspruch behauptet wird. In diesem Sinne sollte es nur ein "richtiges" Leben im falschen geben. Und man darf davon ausgehen: Wer in der Gesellschaft sein Glück sucht, der wird darin umkommen.

Die Möglichkeit zum Nein ist als die Chance zur Generierung eines individualisierten Inklusion/Exklusions-Portfolios zu begreifen. Wenn der Imperative einer funktionsdifferenzierten Gesellschaft auf Inklusion drängt, geben sich Inklusionsverhältnisse als banal und austauschbar zu erkennen und die Freiheit schlägt sich als Freiheit zur Exklusion nieder. Die Gestaltung einer Exklusionskarriere ist die den Modernen verbliebene Freiheit.

 

29.03.2024

 
1) Kant, Immanuel, Kritik der Urteilskraft, B126
2) Stichweh, Rudolf, Inklusion und Exklusion, Bielefeld 2005
3) Luhmann, Niklas, Inklusion und Exklusion, in: Soziologische Aufklärung 6, Wiesbaden 2008
4) Luhmann, Niklas, Strukturauflösung durch Interaktion, Vortragsmanuskript 1975, zit. n. Soziale Systeme. Zeitschrift für soziologische Theorie, 2011, Heft1
5) Nassehi, Armin, Geschlossenheit und Offenheit, Frankfurt am Main 2003
6) Sloterdijk, Peter, Streß und Freiheit, Berlin 2011
7) Münkler, Herfried, in: Hagen, Wolfgang (Hg.), Was tun Herr Luhmann?, Berlin 2009
 
 
 
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